Kampf der Zivilisationen 2: Wer sind die jeweiligen Kernstaaten der Kulturen?

Aus aktuellem Anlass zunächst eine Ergänzung zum Teil 1: Dort hiess es:

Das politische Denken orientiert sich am Völkerrecht, und das Völkerrecht basiert auf dem Nationalstaatsgedanken. Nicht in Betracht gezogen wird dabei, dass die Grenzen vieler Staaten das Ergebnis reiner Willkür sind, mit dem Lineal gezogen infolge der Entkolonialisierung oder weltpolitischer Interessen, die nichts mit der Bevölkerung vor Ort zu tun haben.

Ergänzung: Das 100 jährige Jubiläum war Gestern!

faz-100

Eine sehr aufwändig gemachte Seite dazu hat Aljazeera.com, lesenswert!

balfourQuasi die erste Geburtswehe des Staates Israel, dessen 1. Präsident Weizmann wurde. Lange vor Adolf Hitler… 1917.

Zurück zu Samuel Huntington und seiner Aufteilung der Welt in Kulturkreise, die durch Religionen massgeblich definiert werden.

kdk-i1kdk-i2Wer sind die Kernstaaten der Kulturkreise?

kdk-karteEs sind 7 oder 8:

kdk10Den umfangreichen historischen Teil haben wir weggelassen, er befasst sich sehr gründlich mit universalen Werten wie Menschenrechten und Demokratie, die weit weniger universal seien, als „der Westen oft denke“. Ein Blick auf die Realität genügt, um die Richtigkeit dieser These zu verdeutlichen: Es gibt keinen einzigen demokratischen-rechtsstaatlichen  islamischen Staat unter über 50…

Huntington hat gründlich studiert, wie seine Vorgänger die Welt kulturell aufteilten:

Quigley plädiert für 16 klare historische Fälle und sehr wahrscheinlich acht weitere. Toynbee setzte die Zahl zuerst bei 21, später bei 23 »Zivilisationen« an, Spengler unterscheidet acht hohe Kulturen. McNeill erörtert neun »Zivilisationen« in der gesamten Geschichte; Bagby sieht ebenfalls neun große »Zivilisationen«, beziehungsweise elf, wenn man Japan und die russische Orthodoxie von China und dem Westen  unterscheidet. Braudel zählt neun, Rostovanyi sieben große zeitgenössische »Zivilisationen«.13 Die Unterschiede hängen teilweise davon ab, ob man für Kulturgruppen wie die Chinesen
oder die Inder eine einzige, ihre ganze Geschichte prägende Kultur annimmt oder von zwei oder mehr miteinander eng verwandten Kulturen ausgeht, deren eine aus der anderen hervorging. Ungeachtet dieser Unterschiede ist die Identität der großen Kulturen nicht umstritten. »Ziemliche Übereinstimmung«, wie Melko nach Durchsicht der Literatur resümiert, herrscht über mindestens zwölf große Hochkulturen, von denen sieben nicht mehr existieren (mesopotamische, ägyptische, kretische, klassische, byzantinische, mittelamerikanische und Anden-Kultur) und fünf noch vorhanden sind (die chinesische, japanische, indische, islamische und westliche).14
Im Hinblick auf unsere Zwecke in der zeitgenössischen Welt
empfiehlt es sich, zu diesen sechs Kulturkreisen noch die lateinamerikanische, die orthodoxe und möglicherweise die afrikanische Kultur hinzuzufügen.

Also verwendet er:

Die großen zeitgenössischen Kulturkreise sind hiermit die
folgenden:
Der sinische. Wissenschaftlich unumstritten ist die Existenz einer einzigen chinesischen Kultur, die mindestens bis auf das Jahr 1500 v. Chr., vielleicht sogar noch tausend Jahre weiter zurückgeht beziehungsweise von zwei chinesischen Kulturen, die ein-

kdk11kdk12 nicht. Letztere Variante ist brauchbarer und zutreffender, wenn
es um die Analyse der internationalen politischen Implikationen
von Kulturen geht, also auch um die Beziehungen zwischen Lateinamerika einerseits und Nordamerika und Europa andererseits.

Damit hätten wir die Kulturkreise. Afrika teilt er -richtigerweise- auf in den islamischen Norden und den (pseudo)christlichen Süden. Afrika meint bei Huntington stets den nichtmuslimischen Teil.

Kernstaaten ihres Kulturkreises sind:

Japan ist ein Kulturkreis, der ein Staat ist.

Die meisten Kulturkreise enthalten allerdings mehr als einen Staat oder eine politische Einheit. In der modernen Welt enthalten der westliche, der orthodoxe, der lateinamerikanische, der islamische, der hinduistische und sogar der chinesische Kulturkreis zwei oder mehr Staaten, wobei es in einigen von ihnen einen Kern- oder Führungsstaat gibt: China, Indien, Rußland.

Im Westen hat es in der Geschichte eine große Anzahl von Staaten, aber auch eine kleine Zahl von Kernstaaten gegeben (zum Beispiel Frankreich, England, Deutschland und die USA), deren Einfluß im Laufe der Zeit wechselte. In seinen besten Tagen war das Osmanische Reich Kernstaat des islamischen Kulturkreises; in moderner Zeit gibt es hingegen keinen islamischen Kernstaat, eine Situation, die wir auch in Lateinamerika und Afrika antreffen.

Huntingtons Buch erschien vor BRIICS!

BRIICS passt auch nicht so recht zu seinen Hypothesen, weil es ein Wirtschafts- und Finanzbündnis die Kulturkreise übergreifend darstellt. Eine Gegenbewegung zu IWF, Weltbank, also letztlich zu den Vereinten Nationen, die Instrumente des Westens sind bzw. vom Westen erschaffen wurden, mit universalem Anspruch, und vom Westen dominiert werden, ungerechte Handler, wie „der Rest“ sie sieht.

Allerdings passt es wiederum sehr gut zu seiner These, die globale Vorherrschaft des Westens verblasse, die multipolare Weltordnung sei im Werden, und BRIICS passt auch zu seiner Voraussage, es sei eine Gegenbewegung zu der westlichen Dominanz über die Welt im 19./20. Jahrhundert zu erwarten. „Der Westen und der Rest“ heisst dieses Kapitel bei ihm, am Besten, Sie lesen das gesamte Buch selbst.

Dann verstehen Sie auch den Brzezinski „The grand chessboard“ besser, das erkennbar auf Huntingtons Buch aufbaut und den Westen als die führende Weltmacht unter mehreren ausmacht, mit den USA als der LETZTEN, der verblassenden EINZIGEN Weltmacht. Genau das ist die Kernaussage: Es wird keine weitere Weltmacht geben, die wie die USA ab 1991 ALLEINE die Welt beherschen kann, die Zukunft wird multipolar sein, hoffentlich mit dem Westen als stärkstem der global player… der die anderen, die kommenden  Weltmächte „irgendwie in Schach hält“, indem er sie zur Beachtung „vernünftiger internationaler Regeln“ drängt. Ein gewagtes Spiel mit zahlreichen Unbekannten, aber der einzige Weg.

Ende Teil 2.

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