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Die Vorbereiter: Willi Voss, Udo Albrecht und das Olympia-Attentat 1972, Teil 1

Am 11.02.2015 erschien der Beitrag:

Die Schwäche des Terroristen: Anfang eines Rätsels

Thema: Wie Udo Albrecht im Frühjahr 1980 Karl-Heinz Hoffmann zu Geschäften im Libanon anwarb, konkret für die PLO, aber ein Provisionsvertrag bei einem Rechtsanwalt Schöttler ausgefertigt wurde, Albrechts altem Anwalt, wo im Kleingedruckten nicht PLO, sondern Falange stand, die christliche Miliz im Libanon.

Nichts weniger als die faschistisch-christlichen Todfeinde der muslimischen PLO.

Albrecht ist in Thüringen aufgewachsen und 1955 gemeinsam mit seinem Vater in den Westen geflohen.  Während des Schwarzen Septembers 1970 kämpften Albrecht und andere auf Seiten der Fedajin. Er geriet in jordanische Gefangenschaft und wurde von Hans-Jürgen Wischnewski aus der Hand der königlichen Streitkräfte Jordaniens befreit.[4] Bevor seine Identität erkannt wurde, konnte er erneut entkommen. Im April 1971 wurde er in Wien verhaftet. Zuvor soll er gemeinsam mit Willi Pohl die Geiselnehmer der palästinensischen Organisation Schwarzen September bei dem Aufbau der Infrastruktur zum Olympia-Attentat 1972 unterstützt haben. In der Folge soll seine Befreiung aus der Haftanstalt durch Abu Daoud und Pohl geplant worden sein, die aber durch die Festnahme von Pohl im September 1972 verhindert wurde.[2] Nach der Auslieferung an die Bundesrepublik 1973 konnte er 1974 aus der JVA Bielefeld fliehen.http://de.wikipedia.org/wiki/Udo_Albrecht

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Daher endet der Blogbeitrag zurecht mit:

Der Vertrag regelte in einer kleingedruckten Klausel Hoffmanns angebliche zukünftige Geschäfte mit den Falangisten, wo Albrecht ihn doch zur PLO bringen sollte. Hätte man diesen Vertrag später an die Presse gegeben, wäre die PLO-Führung wohl nicht umhin gekommen, Hoffmann standrechtlich erschießen zu lassen.

In diesem März 1980 waren jene Akten des BND, die Hoffmann erst im Winter 2014/15 über das Fernsehen zu sehen bekommen sollte, und die ihn scheinbar als Kontaktmann italienischer Faschisten im Libanon und libanesischer Falangisten ausweisen, schon einige Monate alt.

Dabei kam alles ganz anders.

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Willi Pohl ist in diesem Zusammenhang eine sehr interessante Figur, ebenso wie Udo Albrecht und Anwalt Schöttler.

Schöttler war bereits Anfang der 1970er Jahre der Anwalt von Albrecht und Pohl.

Bis zum Bruch aber waren Albrecht und Pohl eng verzahnt. Sie hatten in Deutschland auch denselben Anwalt, den Recklinghausener Wilhelm Schöttler, der Angehöriger mehrerer deutscharabischer Vereinigungen ist und 1972 als Anwalt die überlebenden München-Attentäter vertreten hatte.

Nach dem Olympia-Massaker wurde der Zusammenhang Pohl–Albrecht noch auf andere Weise notorisch. Beide waren, so zeigte sich, den palästinensischen Terroristen in Europa beim Aufbau der nötigen Infrastruktur behilflich gewesen. Drei Wochen nach dem Olympia-Attentat wurde Pohl mitsamt einer Ladung von Waffen, wie sie auch die Attentäter benutzt hatten, in München erwischt. Der zuständige Richter schrieb unter anderem in den Haftbefehl: „Der Beschuldigte plante gemeinsam mit … Walli Saad alias Abu Daud die gewaltsame Befreiung … des Albrecht.“

Eine Großaktion wie die mit der Spitzenfigur Abu Daud unternahmen die Mannen vom „Schwarzen September“ nicht nur dem inhaftierten Albrecht zuliebe — um Pohl bemühten S.66 sie sich mit ähnlicher Energie. Als palästinensische Geiselnehmer 1973 die saudi-arabische Botschaft in Khartum stürmten, stand die Freilassung Pohls aus deutscher Haft auf der Liste ihrer Forderungen.

Die Verbindung zu den Palästinensern datiert von 1970, als Albrecht bei den damals noch in Amman residierenden PLO-Chefs vorsprach. Pohl: „Er vereinbarte eine Zusammenarbeit auf Gegenseitigkeit. Wir erhielten die Erlaubnis, auf von der Fatah kontrolliertem jordanischen Gebiet einen Stützpunkt zu errichten, als Gegenleistung boten wir Unterstützung im Kampf gegen Israel an.“

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14342646.html

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Und der Spiegel erwähnt das Buch, welches Willi Voss 1979 veröffentlichte:

Als Albrecht-Biograph dieser Jahre machte ein Mitstreiter namens Willi Pohl auf sich aufmerksam. Wie Albrecht hatte auch Pohl, in Europa von der Polizei wegen verschiedener Delikte gesucht, wahre Freunde bei den linken palästinensischen Guerilleros gefunden. In einem unter Pseudonym in der Schweiz veröffentlichten Buch (E. W. Pless: „Geblendet. Aus den authentischen Papieren eines Terroristen“) schreibt Pohl, teils tatsächlich authentisch, über seine Rolle im palästinensischen Terror der siebziger Jahre und den gemeinsamen Weg mit seinem Mentor Udo Albrecht, im Buch als „Schickel“ verfremdet.

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Dieses Buch hat der fatalist gerade gelesen, als PDF eingescannt bekommen, vielen Dank.

Im Dezember 2012 berichtete Der Spiegel, dass Voss nach eigenen Angaben seit 1975 als Agent für den CIA die Zentrale des PLO-Geheimdienstes ausspioniert haben soll. Er soll unter dem Decknamen Ganymed Informationen zu Anschlägen im Nahen Osten und in Europa und zur Zusammenarbeit zwischen dem Neonazi Udo Albrecht und dessen Komplizen mit den Palästinensern geliefert haben.[6]

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Willi Voss und Udo Albrecht hatten folgendes Motiv, mit der PLO zusammen zu arbeiten, und den Attentätern beim Olympia-Anschlag zu helfen:

Mitstreiter wurden insgeheim ausgehoben, eine „Volksbefreiungs-Front Deutschland“ in kleinem Kreise ausgerufen. Fernziel der Verschwörer war ein durch Guerillakampf von Besatzern und System befreites Land mit einer „von unten delegierten Volksherrschaft“. Als Vorbild galten vor allem die arabischen Befreiungsbewegungen, mit denen ab Anfang der siebziger Jahre Kontakt bestand, denn, so Albrecht, „was zum Aufbau einer Organisation nötig war, war eine sichere Basis im Ausland“.

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Und sehr ähnlich dürfte Hoffmanns Motivation gewesen sein, im Frühjahr 1980, nachdem die WSG Hoffmann Ende Januar in Deutschland verboten worden war:

Ein sicherer Stützpunkt im Ausland.

Ende Teil 1

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Biwakieren mit Gundolf Köhler: Kein Wuschelkopf

Published On Februar 13th, 2015 | By r

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Spätsommer 1981

Ein knappes Jahr nach dem Anschlag auf das Oktoberfest wird in Frankfurt am Main beim Hessischen Landeskriminalamt der ehemalige Vize-Unterführer der Wehrsportgruppe Hoffmann, Heinz-Arndt Marx (er sollte Jahrzehnte später in kurzen Hosen und Camouflage mit Ulrich Chaussy Fernsehgespräche führen) vernommen. Im Zentrum der Vernehmung steht die Frage nach der Bekanntschaft mit dem angeblichen Wiesn-Attentäter Gundolf Köhler aus der Zeit der WSG.

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Die Niederschrift dieser Vernehmung wirkt merkwürdig dürr; um 12 Uhr 30 unterbrach man denn auch die Vernehmung und bewirtete Marx mit einem Mittagessen.

Der ehemalige Wehrsportler war in seinem jungen Leben schon viel herumgekommen. Er hatte einige Jahre in der WSG gedient, später war er mit Hoffmann in den Libanon gegangen und hatte sich dort dessen Kampfgruppe angeschlossen. Wie Hoffmann und andere war er nach seiner Rückkehr aus dem Nahen Osten eingesperrt worden und man hoffte darauf, den Mann im Verfahren gegen Hoffmann zu einem nützlichen Zeugen machen zu können.

Dieser Marx hatte im Juli 1976 bei einer Übung der WSG Gundolf Köhler kennen gelernt. Man hatte gemeinsam biwakiert und sich bei dieser Gelegenheit ausgiebig unterhalten. Auf die Frage des hessischen Kriminalbeamten beschreibt Marx seine Erinnerungen an den jungen Burschen, der schon an seinem zweiten (und letzten) Tag mit einer selbstgebauten „Handgranate“, die freilich eher ein Böller gewesen sein wird, unangenehm aufgefallen war.

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Nachdem der „Chef“ zu seinem Ärger erfahren hatte, dass Köhler einen selbst gebastelten Knallkörper zur Fahrt am Übungsgelände mitgebracht hatte, ließ er den Neuling sofort von der Pritsche des Unimog absitzen. Köhler warf seinen Bums hinter eine Fichte, man ging in Deckung, lachte wohl einmal kurz und trocken. Von Splitterwirkung war keine Rede; das ganze war ein alberner Streich gewesen.

Wie es sich für junge Wehrsportler dazumal gehörte, unterhielt man sich nachts – Zelte waren nicht vorgesehen – über den unter Umständen bevorstehenden Bürgerkrieg in der BRD und diverse „politische Themen“, etwa die Bundestagswahl, das große Duell zwischen Schmidt und Kohl. Auch das schilderte Marx dem hessischen Beamten.

Dies alles wäre nicht der Rede wert, wenn Gundolf Köhler nicht Jahre später, zumindest im Bewusstsein der Öffentlichkeit, als dämonischer Massenmörder in Erscheinung getreten wäre. Man hätte besorgte antifaschistische Literatur daraus machen können, oder eine psychoanalytische Fallstudie.

Da es sich aber um Köhler handelte, fragte man Marx in diesem Herbst 1981, ob er denn den Köhler auch auf einem Lichtbild wiedererkennen würde. Schließlich legte man ihm genau jenes Foto vor, das Köhler als Wuschelkopf zeigt, jenes Foto, das Köhler angeblich so zeigt, wie ihn die Zeugen auf der Wiesn gesehen haben wollen. Das Foto mit dem typischen Wuschelkopf eben.

Und was geschieht?

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Marx erkennt Köhler nicht. Diese Person ist ihm völlig unbekannt.

Im Anschluss zeigt man Marx ein Bild Köhlers, das diesen mit kurzen Haaren zeigt, in jenem Zustand der Frisur, der auch am Tag des Oktoberfestattentats auf seinem Kopf zu beobachten gewesen war.

Marx erkennt Köhler sofort. Sofort ist er sich sicher, den jungen Mann zu kennen.

Eine Person wie Marx, der mit Köhler biwakiert hatte, ausführlich sprach und ihn im Gelände kennen lernen konnte, war also nicht in der Lage, Köhler mit seinem Wuschelkopf auf dem fast schon mythologischen Foto, das durch die Presse ging, zu erkennen.

Aber die Zeugen beim Wiesn-Attentat, die konnten das. Aus teils großer Entfernung, beim ersten Sehen, in einer Menschenmenge. Sahen sie einen Wuschelkopf, und Köhler war keiner.

Diese Zeugen haben einen anderen gesehen, nicht Gundolf Köhler; einen echten Wuschelkopf. Oder die Phantasie ist mit ihnen durchgegangen, wenn nicht Schlimmeres.

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Gundolf Köhler: Wuschelkopf und Phantom

Februar 2015

Die kollektive Erinnerung an den Bombenanschlag auf dem Münchner Oktoberfest ist auf das Engste verbunden mit der Aufnahme eines wuschelköpfigen Schülers, etwa 16 Jahre alt, Karohemd, Pullunder und verträumte Augen. Direkt nach dem Anschlag wurde diese Fotografie massenhaft verbreitet, über die damaligen „Revolverblätter“ Quick und Bild, aber auch über das damals noch staatsmonopolistische Fernsehen. Es handle sich um den Täter, hieß es damals, oder reißerischer: „Er legte die Bombe“.

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Dieser junge Mann machte allerdings bis zum 26.9.1980, dem Tag des Anschlags, wie jeder andere junge Mann auch, noch eine bemerkenswerte Entwicklung durch. Fest steht jedenfalls, dass er am Tag des Anschlags kurze Haare gehabt hat; sämtliche Aussagen angeblicher Tatortzeugen zu diesem jungen Mann, die sich explizit auf dessen Wuschelkopf beziehen, den Wuschelkopf als Merkmal hervorheben, sind also unbrauchbar, was noch zu belegen sein wird.

Das gilt vor allem für solche Aussagen, die angebliche Mittäter ins Spiel bringen und diese geheimnisvollen Mittäter kurz vor dem Anschlag als im Gespräch mit einem Wuschelkopf befindlich darstellen.

Wie immer, viel Käse dabei, bei den Zeugenaussagen. Das ist ganz normal.

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Wer war dieser Köhler?

Wie eine Litfaßsäule der Erinnerung ist Köhler im Laufe der Jahrzehnte mit Etiketten der diffamierenden oder willkürlichen Zuschreibung bedeckt worden. Da wir ihn nicht persönlich kennen, können wir hier nicht sein Wesen ausbreiten. Aber wir können die Etiketten eine nach der anderen ablösen.

Da ist zunächst die Legende von der „Mitgliedschaft“ Köhlers bei der „Wehrsportgruppe Hoffmann“. Diese Legende wird heute von den zentral zuständigen Geschichtenerzählern des Oktoberfest-Attentats nicht mehr gar so offensiv vertreten, zumal man weiß, dass sie vor allem aus Unsinn besteht. Man nimmt es aber gern in Kauf, dass sich das Gerücht, oder wenigstens der sprachliche Rest eines Gerüchts in dieser Hinsicht hält.

Tatsächlich ließ sich Köhler 1976 von seinen Eltern zu einer Übung der WSG chauffieren und wiederholte seine Schnupper-Teilnahme ein weiteres und letztes Mal. Der „Chef“ der WSG konnte nicht umhin, dem Wuschelkopf die Haare zu schneiden; und ein Offizier der WSG rügte ihn für den albernen Knallkörper, den er zur Übung mitgebracht hatte. Eine Uniform erhielt er nicht, auch keine Mitgliedskarte. Danach war für Köhler Schluss mit WSG; er hatte sich mit dieser Aktion einen Eintrag im NADIS-System der deutschen Sicherheitsbehörden geholt und versuchte später, Hoffmann per Postpaket mit einer Flasche Wein zu beglücken, ja ihm brieflich die Gründung einer WSG-Filiale unter seiner Leitung anzutragen.

Beides irrsinnige Aktionen, denn Hoffmann rührte damals – nach eigenen Angaben auch heute noch – keinen Alkohol an und hätte einen frisch geschorenen 17-Jährigen, der unaufgefordert mit selbstgebauten Knallkörpern am Übungsplatz erscheint, nicht zum WSG-Offizier gemacht.

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(WSG-Vize-Unterführer Marx bei der Gesichtskontrolle)

Trotzdem hat man immer wieder versucht, Köhler als „Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann“ (Generalbundesanwalt Rebmann) darzustellen. Medien wie der Stern verwendeten dazu Bildmaterial wie das oben stehende Foto. Es kann nicht Köhler zeigen; die Körpergröße stimmt nicht, das wurde dutzende Male nachgewiesen, und wer Augen hat, zu sehen, erkennt, dass der Mann im Vordergrund des Bildes auch dem Gesicht nach anders aussieht als unser Phantom.

Wie auch immer, nicht nur Köhlers Gesicht besteht aus Phantom-Zügen, aus Lügen, Irrtümern und Erfindungen. Was kann man alles in den Charakter eines Menschen hineininterpretieren? fragt man sich bei der Lektüre des Abschlussberichts der Bundesanwaltschaft. Alles und nichts, möchte man antworten und stellt sich vor, selbst so beschrieben zu werden:

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Ein eiskalter Borderliner, der Rock-Schlagzeuger Köhler, möchte man ausrufen, und auch noch Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann! Bei näherer Betrachtung zerfällt alles zu Staub, was an „behördlichen Erkenntnissen“ über diesen Jungen vorhanden war. Am Ende wirft die Bundesanwaltschaft ihm gar vor, in seiner Schulzeit mit einer Spritzpistole und gefährlichem Zitronensaft seine Mitmenschen angegriffen zu haben. Eiskalt und gefährlich, fast so schlimm wie seine Silvesterböllerei und sein Interesse für „Sprengungen“ im Wald.

Sogar im Arbeitskreis NSU finden sich Leute, die in ihrer Jugend Wald- und Wiesensprengungen durchgeführt haben. Es bedeutet nichts. Nicht einmal, dass man Mitglied des Arbeitskreises NSU ist, der auch keine Mitgliedskarten ausgibt.

Was macht man mit dem Köhler und seinem dämonischen, in Wirklichkeit ausgesprochen banalen Charakter im Jahr 2015? Es bleibt nichts als der Verdacht, dass dieser vergleichsweise farblose junge Mann eine ideale Projektionsfläche war. Ein psychisch schwer beeinträchtigter „Zeuge“ will mit ihm regelmäßigen Geschlechtsverkehr gehabt haben; seine Eltern und anderen Verwandten fanden ihn unauffällig und nett; er wählte die Grünen und interessierte sich für den Schutz von Kulturdenkmälern in der Region.

Da gab es wohl auch Bekanntschaften zu stramm antikommunistischen Kräften, aber auch die sollen längst vor dem Anschlag abgeflaut sein. Über Zufallsbekanntschaften und verdeckte Verbindungen wissen wir noch nichts. Wir kennen Gundolf Köhler nicht und müssen uns um sein Bild bemühen, gegen die alten Klischees.

Die Schwäche des Terroristen: Anfang eines Rätsels

Frühjahr 1980

Der rechtsradikale Aktivist, ehemalige Terrorist und vielfach verurteilte Berufsverbrecher Udo Albrecht war im vergangenen Spätherbst aus einem Bochumer Gefängnis entlassen worden. Als alter Kämpfer der PLO, der Ende der 60er-Jahre die Infotische westdeutscher Fußgängerzonen gegen Stellungen arabischer Freiheitskämpfer vertauscht hatte, hatte er sich nicht nur im Nahen Osten hervorgetan. Auch die Operationen der PLO in Europa unterstützte Albrecht nach Kräften. Leider war dabei einiges schief gegangen.

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Als „Dr. Jäger“ hatte Albrecht sein Unwesen in der Schweiz getrieben, zahlreiche Konten und Waffenlager eingerichtet und dann die Chuzpe besessen, am Heiligen Abend 1970 mehrere Schuhkartons mit Sprengstoff durchs Berner Land zu chauffieren. Die weihnachtliche Verhaftung war gleichzeitig der Beginn einer Karriere als Ausbrecherkönig: Albrecht floh ab diesem Zeitpunkt immer wieder aus bundesdeutschen Gefängnissen.

Manchmal hatte er sein Glück kaum fassen können. Immer wieder gelangen waghalsige Ausbrüche, Handschellen waren abzuschließen vergessen worden oder die Öffentlichkeitsfahndung in der gefürchteten Sendung „Aktenzeichen XY“ führte die Bevölkerung auf falsche Fährten. Manches dunkle Ding, wie die Waffenbeschaffung für den Olympia-Anschlag, hatten sie Gottseidank nicht herausbekommen, wie es schien.

An einen besonders gespenstischen Moment erinnerte er sich gar nicht gern. Als er nach einigen aufgrund finanzieller Engpässe verübten Banküberfällen in eine Polizeikontrolle geriet, verhaftete man ihn nicht, obwohl die DPA am selben Tag eine reißerische Meldung über seine Verstrickung in die Pläne zur Befreiung der Stammheimer herausgegeben hatte. So viel Glück konnte man eigentlich im Leben nicht haben.

Immer wieder versuchte er sich, noch im Gefängnis, mit Tabletten den alten Schwung zurückzuholen, seine Liebe zu Deutschland und die Erinnerung an das freie Leben bei den Palästinensern. Jünger wurde er nicht mehr.

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Jetzt, nach der Entlassung, hatte er den Plan gefasst, ausrangierte Bundeswehr-LKW über den Weg des offiziellen Kraftfahrzeug-Exports zu den Palästinensern zu schaffen. Das sollte ein wenig Ruhe und Geld bringen. Der Herr Bruder war plötzlich zu Geld gekommen, und man pumpte ihn an, gar nicht nötig, eine weitere Bank zu überfallen.

Nach Silvester stand allerdings plötzlich ein ihm unbekannter Mann vor der Tür, der ihn unverblümt auf diese Pläne ansprach. Sein hartes Auftreten und der bedrohlich schleimige Unterton in der Stimme, aber auch das Wissen um alles, was Albrecht seit Jahren auf dem Herzen lag, machten jeden Widerspruch unmöglich. Der glatzköpfige Unbekannte schlug vor, Informationen aus dem Nahen Osten zu beschaffen; im Gegenzug sollten die Kraftfahrzeugtransporte unterstützt werden und man würde darauf verzichten, Albrecht die alten Geschichten vorzuhalten, bei denen er so großes Glück gehabt hatte.

Albrecht sollte auch einen gewissen Hoffmann auf solche Transporte ansprechen.

Der Privatdetektiv und Westentaschen-James Bond Werner Mauss war zu jener Zeit bestrebt, sein Äußeres zu ändern. Zu diesem Zweck hatte er sich unter Anderem Haare auf die Glatze transplantieren lassen, ein tarnendes Unterfangen, das Ende der 70er-Jahre noch durchaus als filmreif gelten konnte. Vergangenen Sommer war Mauss zum legendären „Chef“ der noch nicht  verbotenen Wehrsportgruppe Hoffmann, Karl Heinz Hoffmann, gefahren und hatte ihm angeboten, seinen Männern einen Drachenflug zu spendieren. Hoffmann hatte dieses Ansinnen angesichts des merkwürdigen Auftretens dieses spendablen Mannes abgewiesen.

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Nach dem Verbot der Wehrsportgruppe hatte sich Albrecht unter falschem Namen bei Hoffmann gemeldet und einen Fahrzeugtransport vorgeschlagen. Tatsächlich kam nie ein Geschäft zwischen den beiden zustande; aber Albrecht offenbarte sich Hoffmann und bot ihm Hilfe dabei an, Verbindungen in den Libanon zu knüpfen.

Weder Mauss noch Albrecht erklärten Hoffmann in diesem Frühjahr 1980, wohin die Reise gehen sollte. Zur PLO, zu den christlichen Falangisten, zu einer anderen der zahllosen Milizen und chaotischen Gruppen dort? Allerdings riet Albrecht Hoffmann, zu einem gewissen Anwalt in Recklinghausen zu gehen und dort Provisionsvereinbarungen über seine zukünftigen Geschäfte im Libanon zu unterzeichnen.

Dieser Anwalt war zufällig der alte Strafverteidiger von Albrecht, der so viele günstige Urteile für ihn herausschlug und ihm die Kontakte in den Nahen Osten verschafft hatte. Ein umtriebiger Mann mit guten Kontakten zur PLO und zu gewissen Stellen in der CSSR.

Ohne Titel

Der Vertrag regelte in einer kleingedruckten Klausel Hoffmanns angebliche zukünftige Geschäfte mit den Falangisten, wo Albrecht ihn doch zur PLO bringen sollte. Hätte man diesen Vertrag später an die Presse gegeben, wäre die PLO-Führung wohl nicht umhin gekommen, Hoffmann standrechtlich erschießen zu lassen.

In diesem März 1980 waren jene Akten des BND, die Hoffmann erst im Winter 2014/15 über das Fernsehen zu sehen bekommen sollte, und die ihn scheinbar als Kontaktmann italienischer Faschisten im Libanon und libanesischer Falangisten ausweisen, schon einige Monate alt.

Dabei kam alles ganz anders.

Das ist die Geschichte des Oktoberfestattentats. Als Erzähler treten auf: Überlebende, Protokollführer der Geheimdienste und der Gerichte, Schuldige und Unschuldige, Unbeteiligte. Wir widmen diesen Blog den Toten, denen, deren Leben durch den Staatsterrorismus vergiftet worden ist und den zu unrecht Verfolgten.